Robert Musil – Vollendung der Liebe

klimt.danaeAus der Geschichtensammlung “Vereinigungen”, 1911.

“Erinnerst du dich,” sagte plötzlich die Frau, “als du mich vor einigen Abenden küßtest, wußtest du, daß da etwas zwischen uns war? Es war mir etwas eingefallen, im gleichen Augenblick, etwas ganz Gleichgültiges, aber es war nicht du und es tat mir plötzlich weh, daß es nicht du sein mußte. Und ich konnte es dir nicht sagen und mußte erst über dich lächeln, weil du es nicht wußtest und mir ganz nah zu sein glaubtest, und wollte es dir dann nicht mehr sagen und wurde böse auf dich, weil du es nicht selbst fühltest, und deine Zärtlichkeiten fanden mich nicht mehr. Und ich traute mich nicht, dich zu bitten, daß du mich lassen solltest, denn in Wirklichkeit war es ja nichts, ich war dir ja nah in Wirklichkeit, un doch war es, wie ein undeutlicher Schattenwar es zugleich, als könnte ich fern von dir und ohne dich sein. Kennst du dieses Gefühl, es stehen manchmal alle Dinge plözlich zweimal da, voll und deutlich, wie man sie weiß, und dann noch einmal, blaß, dämmernd und erschrekt, als ob sie heimlich und schon fremd der ander anblickte? Ich hätte dich nehmen mögen und in mich zurückreißen … und dan wieder dich wegstoßen und mich auf die Erde werfen, weil es möglich gewesen war … “

“War das damals ….?”

“Ja, das war damals, als ich dann plötzlich unter dir zu weinen begann; wie du glaubtest, aus Übermaß der Sehnsucht, mit meinem Fühlen noch tiefer in deines zu dringen.

Sei mir nicht bös, ich mußte es dir sagen und weiß nicht warum, es ist ja nur eine Einbildung gewesen, aber sie schmertzte mich so, ich glaube, nur deswegen mußte ich an diesen G. denken. Du …?”

[….] Nach einer Weile, als sie im Anblick der fremden Welt draußen wieder sicher geworden waren, wurden sie müde und wünschten nebeneinander einzuschlafen. Sie fü nichts als einander und doch war es – schon ganz klein und im Dunkel verschwindend – noch ein Gefühl wie nach allen vier Weiten des Himmels.

[……]

Dann vermochte sie zu denken, daß sie einem andern gehören könnte, und er erschien ihr nicht wie Untreue, sondern wie eine letzte Vermählung, irgendwo wo sie nicht waren, wo sie nur wie Musik waren, wo sie eine von niemandem gehörte und von nichts widerhallte Musik waren. Denn dann fühlte sie ihr Dasein nur wie eine knirschende Linie, die sie eingrub, um sich in dem wirren Schweigen zu hören, wie etwas, wo ein Augenblick den nächsten frodert und sie das wurde, was sie tat, – unaufhaltsam und belanglos – und doch etwas blieb, was sie nie tun konnte. Und während ihr plötzlich war, als möchte es sein, daß sie einander erst mit der Lautheit des einen leisen, fast wahnsinnig innigen, schmerzlichen Ton Nicht hörenwollens liebten, ahnten ihr die tieferen Verwicklungen und ungeheuren Verschlingungen, die in den Pausen geschahen, den Lautlosigkeiten, den Augenblicken des aus dem Tosen in die uferlose Tatsache Aufwachsen, unter bewußtlosen Geschehnissen mit einem Gefühl dazustehn; und mit dem Schmerz des einsamen nebeneinander Dahineinragens, – vor dem alles andere Handeln nur ein Betäuben und Verschließen und mit Lärm Sicheinschläfern war, – liebte sie ihn, wenn sie dachte, ihm das letzte erdschwere Weh zu tun.

Noch Wochen danach blieb ihrer Liebe diese Farbe; dann verging es. Aber oft, wenn sie die Nähe eines andern Menschen fühte, kehrte es schwächer wieder. Es genügte ein gleichgültiger Mensch, der etwas Gleichgültiges sprach, und sie empfand sich wie von dorther angesehen … erstaunt … warum bist du noch hier? ?Es geschah nie, daß sie nach solchen fremden Geschöpfen verlangte; es war ihr schmerzhaft an sie zu denken; es ekelte ihr. Aber es war mit einenmal das körperlose Schwanken der Stille um sie; und sie wußte dann nicht, ob sie zich hob oder sank.

[……]

Da versuchte sie sich zu besinnen und kehrte sich um. Eng lag das Zimmer hinter ihr und es war noch etwas Sonderbares in dieser Enge, wie ein Käfig oder wie Geschlagewerden. Claudine zündete eine Kerze an und leuchtete über die Dinge; es begann langsam der Schlaf von ihnen abzufließen und sie waren noch, als hätten sie nicht genau in sich zurückgefunden, – Schrank, Kasten Bett und doch etwas zu viel oder zu wenig, ein Nichts, ein rauhes, rieselndes Nichts; blind und eingefallen standen sie in der kahlen Dämmerung des flackernden Lichts, auf Tisch und Wänden lag noch ein endlosen Gefühl von Staub und wie barfuß darüber gehen Müssen. [….] Claudine fühlte eine plötzlich phantastishce Hitze. Sie hätte leise schreien mögen, wie Katzen schreien vor Angst und Begierde, wie sie so dastand, aufgewacht in der Nacht, während lautlos der letzte Schatten ihres seltsam empfundenen Tuns in die schon wieder glatten Wände ihres Innern schlüpfte. Und plötzlich dachte sie: wenn er nun käme und einfach zu tun versuchte, was er doch sicher wollte ….

Sie wußte nicht wie sie erschrak. Wie eine heiße Kugel rollte etwas über sie hin; minutenlang war nichts als dieses seltsame Erschrecken und dahinter jene peitschengerade, schweigsame Enge. Dann machte sie den Versuch, sich den Menschen vorzustellen. Aber es gelang nicht; sie fühlte bloß den vorsichtig vorgedehnten, tierhaften Schrit ihrer Gedanken. Nur zuweilen sah sie etwas von ihm, wie es in Wirklichkeit war, seinen Bart, sein eines leuchtendes Auge … Dann empfand sie Ekel. Sie fühlte, daß sie niemals mehr einem fremden Menschen gehören könnte. Und gerade da, gerade zugleich mit diesem Abscheu ihres, geheimnisvoll nur nach dem einen sehnsüchtigen, Körpers vor jedem andern, fühlte sie – wie in einer zweiten, tiefern Ebene – ein Hinabbeugen, ein Schwindeln, vielleicht eine Ahnung von menschlicher Unsicherheit, vielleicht ein Bangen vor sich, vielleicht nur ein unfaßbares, sinnloses, versuchendes dennoch jenen andern Herbeiwünschen und es floß ihre Angst durch sie wie die sengende Kälte, die eine zerstörende Lust nah vor sich hertreibt.[….]

Da fühlte sie, daß hier sich etwas vollenden sollte, und wurde nicht gewahr, wie lange sie so stand; Viertelstunden, Stunden … die Zeit lag reglos, von unsichtbaren Quellen gespeist, wie ein uferloser See ohne Mündung und Abluß um sie. Nur einmal, irgendwann, glitt irgendwo von diesem unbegrenzten Horizont her etwas Dunkles durch ihr Bewußtsein, ein Gedanke, ein Einfall, … und wie es an ihr vorbeizog, erkannte sie die Erinnerung darin an lang versunkene Träume ihres frühere Lebens – sie glaubte sich von Feinden gefangen und war gezwungen, demütige Dienste zu tun – und währenddessen begann es schon zu entschwinden und schrumpfte ein und aus der dunstigen Unklarheit der Weite hob sich ein letztesmal, wie gespenstisch klar geknotetes Stangen- und Tauwerk eins nach dem andern darüber hinaus, und es fiel ihr ein, wie sie schwer und dumpf gekämpft, bis ihr die Kraft und die Sinne schwanden, dieses ganze maßlo;se, formlose Elend ihres Lebens, … und dann war es vorbe und in der wieder zusammmenfließenden Stille war nur ein Leuchten, eine veratmend zurückstreichende Welle, als wäre ein Unsagbares gewesen, … und da kam es jetzt plötzlich von dort über sie – wie einstens diese schreckliche Wehrlosigkeit ihres Daseins hinter den Träumen, fern, unfaßbar, im Imaginäiren, noch ein zweitesmal lebte – eine Verheißung, ein Sehnsuchtsschimmer, eine niemals gefühlte Weichheit, ein Ichgefühl, das – von der fürchterlichen Unwiderruflichkeit ihres Schicksals nackt, ausgezogen, seiner selbst entkleidet – während es taumelnd nach immer tieferen Entkräftungen verlangte, sie dabei seltsam wie der in sie verirrte, mit zielloser Zärlichkeit seine Vollendung suchend Teil einer Liebe verwirrte, für die es in der Sprache des Tags und des harten, aufrechten Ganges noch kein Wort gab.

[……]

Und mit einemmal hörte sie verheimlichte Schritte, eine Knarren der Treppe, ein Stehenbleiben; vor ihrer Tür ein leise auf der Diele knarrendes Stehenbleiben. Ihre Augen richteten sich gegen den Eingang; es erschien ihr so;nderbar, daß hinter diesen dünnen Brettern ein Mensch stand; sie fühlte nur den Einfluß des Gleichgültigen dabei, des Zufälligen dieser Tür, an deren beiden Seiten sich Spannungen, einander unfindbar, stauten. Sie hatte sich schon entkleidet. Auf dem Stuhl vor dem Bett lagen ihre Röcke noch so, wie sie sie eben von sich gestreift hatte. Die Luft dieses heute an den, morgen an jenen vermieteten Zimmers betatstete sich mit dem Duft von ihrer Innenseite. [….] Sie dachte plötzlich and den Geruch, der von der Haut dieser Füße ausging und hineinging, in Seelen fremder Menschen hineinging, vertraut, schützend wie der Geruch der Elternhauses. [….] Da packte sie eine Lust, sich auf diesen Teppich zu werfen, die ekligen Spuren dieser Füße zu küssen und wie eine schnuppernde Hündin sich an ihnen zu erregen. [….] Dann hörte sie vorsichtig den Menschen fortgehn. Und begriff plötzlich, noch heraugerissen aus sich, daß das die Untreue war; stärker bloß als die Lüge.

[……]

Und Claudine schwieg; nur noch einmal sprach sie; während sie sich entkleideten; sie begann zwecklos zu reden, unpassend, vielleicht wertlos, bloß wie ein schmerzliches Überetwashineinstreicheln war es: “… es ist wie wenn man durch einen schmalen Paß tritt; Tiere, Menschen, Blumen, alles verändert; man selbst ganz anders Man fragt, wenn ich hier von Anbeginn gelebt hätte, wie würde ich über dies dneken, wie jenes fühlen? Es is sonderbar, daß es nur eine Linie ist, die man zu überschreiten braucht. Ich möchte Sie küssen und dann rasch wieder zurückspringen und sehen; und dan wieder zu Ihnen. Und jedesmal beim Überschreiten dieser Grenze müßte ich es genauer fühlen. Ich würde immer bleicher werden; die Menschen würden sterben, nein, einschrumpfen; und die Bäume und die Tiere. Und endlich wäre alles nur ein ganz dünner Rauch … und dann nur eine Melodie … durch die Luft ziehend … über einer Leere … “

Und noch einmal sprach sie: “Bitte gehn Sie weg,” sprach sie, “mir ekelt.” Aber er lächelte nur. Da sagte sie: “Bitte, geh weg.” Und er seufzte befriedigt: “Endlich, endlich, du liebe kleine Träumerin, sagst du: Du!”

Und dann fühlte sie mit Schaudern, wie ihr Körper trotz allem sich mit Wollust füllte. Aber ihr war dabei, als ob sie an etwas dächte, das sie einmal im Frühling empfunden hatte: dieses wie für alle da sein können und doch nur wie für einen. Und ganz fern, wie Kinder von Gott sagen, er ist groß, hatte sie eine Vorstellung von ihrer Liebe.”

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