Paul Celan Poetry

So bist du denn gewordencelan-f2

So bist du denn geworden
wie ich dich nie gekannt:
dein Herz schlägt allerorten
in einem Brunnenland,

wo kein Mund trinkt und keine
Gestalt die Schatten säumt,
wo Wasser quillt zum Scheine
und Schein wie Wasser schäumt.

Du steigst in alle Brunnen,
du schwebst durch jeden Schein.
Du hast ein Spiel ersonnen,
das will vergessen sein.

 

 

Was geschah?

Was geschah? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache. Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Aermer. Offen. Heimatlich.

Wohin gings? Gen Unverklungen.
Mit dem Stein gings, mit uns zwein.
Herz und Herz. Zu schwer befunden.
Schwerer werden. Leichter sein.

Sprich auch du

Sprich auch du,
sprich als letzter,
sag deinen Spruch.

Sprich –
Doch scheide das Nein nicht vom Ja.
Gib deinem Spruch auch den Sinn:
gib ihm den Schatten.

Gib ihm Schatten genug,
gib ihm so viel,
als du um dich verteilt weißt zwischen
Mittnacht und Mittag und Mittnacht.

Blicke umher:
sieh, wie’s lebendig wird rings –
Beim Tode! Lebendig!
Wahr spricht, wer Schatten spricht.

Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst:
Wohin jetzt, Schattenentblößter, wohin?
Steige. Taste empor.
Dünner wirst du, unkenntlicher, feiner!
Feiner: ein Faden,
an dem er herabwill, der Stern:
um unten zu schwimmen, unten,
wo er sich schimmern sieht: in der Dünung
wandernder Worte.

 

 

Tenebrae

We are near, Lord,
near and at hand.

Handled already, Lord,
clawed and clawing as though
the body of each of us were
your body, Lord.

Pray, Lord,
pray to us,
we are near.

Wind-awry we went there,
went there to bend
over hollow and ditch.

To be watered we went there, Lord.

It was blood, it was
what you shed, Lord.

It gleamed.

It cast your image into our eyes, Lord.
Our eyes and our mouths are open and empty, Lord.

We have drunk, Lord.
The blood and the image that was in the blood, Lord.

Pray, Lord.
We are near.

Stunden

Der uns die Stunden zählte,
er zählt weiter.
Was mag er zählen, sag?
Er zählt und zählt.

Nicht kühler wirds,
nicht nächtiger,
nicht feuchter.

Nur was uns lauschen half:
es lauscht nun
für sich allein.

 

 

Vor einer Kerze

Aus getriebenem Golde, so
wie du’s mir anbefahlst, Mutter,
formt ich den Leuchter, daraus
sie empor mir dunkelt inmitten
splitternder Stunden:
deines
Totseins Tochter.

Schlank von Gestalt,
ein schmaler, mandeläugiger Schatten,
Mund und Geschlecht
umtanzt von Schlummergetier,
entschwebt sie dem klaffenden Golde,
steigt sie hinan
zum Scheitel des Jetzt.

Mit nachtverhangnen
Lippen
sprech ich den Segen:

Im Namen der Drei,
die einander befehden, bis
der Himmel hinabtaucht ins Grab der Gefühle,
im Namen der Drei, deren Ringe
am Finger mir glänzen, sooft
ich den Bäumen im Abgrund das Haar lös,
auf daß die Tiefe durchrauscht sei von reicherer Flut –,
im Namen des ersten der Drei,
der aufschrie,
als es zu leben galt dort, wo vor ihm sein Wort schon gewesen,
im Namen des zweiten, der zusah und weinte,
im Namen des dritten, der weiße
Steine häuft in der Mitte, –
sprech ich dich frei
vom Amen, das uns übertäubt,
vom eisigen Licht, das es säumt,
da, wo es turmhoch ins Meer tritt,
da, wo die graue, die Taube
aufpickt die Namen
diesseits und jenseits des Sterbens:
Du bleibst, du bleibst, du bleibst
einer Toten Kind,
geweiht dem Nein meiner Sehnsucht,
vermählt einer Schrunde der Zeit,
vor die mich das Mutterwort führte,
auf daß ein einziges Mal
erzittre die Hand,
die je und je mir ans Herz greift!

 

Ein Dröhnen

Ein Dröhnen: es ist
die Wahrheit selbst
unter die Menschen
getreten,

mitten ins

Metapherngestöber.

 

 

You were my death

You were my death:
you I could hold
when all fell away from me.

NACHTSTRAHL

Am lichtesten brannte das Haar meiner Abendgeliebten:
ihr schick ich den Sarg aus dem leichtesten Holz.
Er ist wellenumwogt wie das Bett unsrer Träume in Rom;
er trägt eine weiße Perücke wie ich und spricht heiser:
er redet wie ich, wenn ich Einlaß gewähre den Herzen.
Er weiß ein französisches Lied von der Liebe, das sang ich im Herbst,
als ich weilte auf Reisen in Spätland und Briefe schrieb an den Morgen.
Ein schöner Kahn ist der Sarg, geschnitzt im Gehölz der Gefühle.
Auch ich fuhr blutabwärts mit ihm, als ich jünger war als dein Aug.
Nun bist du jung wie ein toter Vogel im Märzschnee,
nun kommt er zu dir und singt sein französisches Lied.
Ihr seid leicht: ihr schlaft meinen Frühling zu Ende.

Ich bin leichter:
ich singe vor Fremden.

 

NIGHT RAY

Most brightly of all burned the hair of my evening loved one;
to her I send the coffin of lightest wood.
Waves billow round it as round the bed of our dream in Rome;
it wears a white wig as I do and speaks hoarsely:
it talks as I do when I grant admittance to hearts.
It knows a French song about love, I sang it in autumn
when I stopped as a tourist in Lateland and wrote my letters to morning.
A fine boat is that coffin carved in the coppice of feelings.
I too drift in it downbloodstream, younger still than your eye.
Now you are young as a bird dropped dead in March snow,
now it comes to you, sings you its love song from France.
You are light: you will sleep through my Spring till it’s over.

I am lighter:
in front of strangers I sing.

 

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